Bericht von Reiner Mertscheit und Wolfgang Wagner

Rückblick 1919

Nach verlorenem Krieg wird durch den Versailler Vertrag die Deutsche Flotte in Scapa Flow interniert. Um nicht in die Hände der Alliierten zu fallen, entschließt sich Admiral Reuter zur Selbstversenkung der gesamten Flotte. 74 Kriegsschiffe finden ihr nasses Grab. Bis in die 60er-Jahre „ernten“ die Engländer den guten deutschen Krupp Stahl. Die tiefer liegenden Wracks (vornehmlich Kreuzer und Schlachtschiffe) bleiben größtenteils erhalten und erfreuen seither Taucher der ganzen Welt. Dies sind die leichten Kreuzer Brummer, Köln, Dresden, Karlsruhe und die Schlachtschiffe Markgraf, König, Kronprinz Wilhelm. Es gibt keinen Ort auf der Welt mit ähnlich hoher Konzentration von Kriegsschiffen des 1.Weltkriegs. Nach jahrelanger Planung ist es endlich soweit, ein Abenteuer beginnt ...

Tag 1 - Die Anreise

Der Flug mit British Airways von Düsseldorf über London, Aberdeen nach Kirkwall verläuft problemlos. Einzig nervig sind vor allem in England die vielen Sicherheitskontrollen beim Einchecken. Die letzte Etappe fliegen wir mit einer kleinen zwei­motorigen Maschine. Schon in Aberdeen rutschen die Temperaturen von in Deutschland 30°C auf hier nur noch 10°C. Und da wollte ich nur eine dünne Regenjacke mitnehmen! Ich bin dann aber heilfroh, dass ich das aufgrund Reiners Hinweis nicht tat, denn: “dicker ist besser“!! - vor allen Dingen in Schottland. Die Temperatur bei Ankunft in Kirkwall beträgt gerade noch 5°C bei Nebel und Nieselregen!

Am Gepäckband werden wir durch eine Mitarbeiterin der Diving Cellar (unserer Basis) freundlich empfangen. Mit dem Transfer zur Basis in einem alten, total schmuddeligen Ford Mondeo fängt unser Abenteuer in Schottland an. Müll im Kofferraum, Dreck und Stroh auf den Sitzen, defekte Heizung, nicht vorhandene Sicherheitsgurte um nur einiges zu nennen. „Wenn so die Basis oder schlimmer, unsere Unterkunft aussieht...“, kreisen unsere Gedanken!!! Diese Befürchtungen sind zum Glück nicht eingetreten. Basis, Schiff und Unterkunft sind für Taucherbedürfnisse zweckmäßig eingerichtet. Freundlich werden wir auch von 10 Tauchern aus dem Cornwall empfangen. Peter, der 1.Vorsitzende dieser Gruppe, schlägt vor, als ersten Tauchgang die „Brummer“ zu betauchen. Sehr freundlich empfinden wir die Geste, Einfluss auf den Tagesablauf zu nehmen. Man fragt uns immer ob wir mit dem Tauchziel einverstanden sind.

Angenehm ist auch unsere Unterkunft. Unser Zimmer ist zweckmäßig, sauber und warm. Uns steht eine große Küche zu Verfügung, in der auch jeden Morgen das typisch britische Frühstück serviert wird. Ein großes Gemeinschaftswohnzimmer zum gemütlichen ‚rumlümmeln‘ runden das Bild ab.

Erster Tauchtag

Um 9.00 Uhr bringen wir unser Tauchgerödel zum Tauchboot, der John L. Der erste Eindruck von diesem 22m langen Arbeitstier ist gut. Es gibt einen beheizten Trockenraum unter Deck und auf Deck eine große Kombüse mit der Möglichkeit heißen Tee oder Kaffee einzunehmen. Der Anker wird gelichtet, “Auf gehts!!"

Das Wetter ist bedeckt, kalt und mäßig windig. Uns ist beiden mulmig zumute. Nur der Galgenhumor überspielt unsere Unsicherheit. Nach 60 Minuten Fahrt sind wir am Wrack der Brummer. Das Wetter ist immer noch schlecht, aber der Wind hat nachgelassen. Fertig machen zum Tauchen. Mein Adrenalinspiegel schnellt nach oben. Wir tauchen ab. Es ist kalt und dunkel. In ca. 15m Tiefe zeigt sich plötzlich ein riesiger Schatten, in 30m Tiefe dann die wahre Größe der Brummer. Auf der Seite liegend präsentiert sich das Wrack im surrealem Licht. Phantastisch!!! Puls und Blutdruck fallen wieder auf normale Werte. Bei ca.10m Sicht genießen wir diesen Tauchgang. Auch nach über 86 Jahren im nassen Grab sind viele Einzelheiten wie Aufbauten, Masten und Geschütze zu erkennen. Wir vergessen schnell die Zeit, bis der Tauchcomputer quengelt und uns auf “Deko“ aufmerksam macht. Freier Aufstieg und Deko auf 6m wegen der Dünung.

Zufrieden mit dem Erlebten machen wir Pause auf der Insel Hoy. Ein Muss für jeden Taucher ist der Besuch des Kriegsmuseums auf dieser Insel. Hier werden viele Einzelheiten beider Weltkriege, auch mit Artefakten erläutert. Mein Resümee: „Sehr interessant!"

Den zweiten Tauchgang gestalten wir an einem Holzwrack. Der Schiffskörper ist gut erhalten. Besonders das Heck mit seiner Schiffsschraube und die Ruderanlage sind sehenswert. Ein schöner erster Tauchtag geht zu Ende. Zufrieden, erschöpft und hungrig entschließen wir uns auf dem Weg zur Unterkunft, eine Pommesbude aufzusuchen. Den Entschluss, Cheeseburger mit Pommes zu bestellen, bereuen wir dann aber sehr schnell. Ich hab noch nie etwas Scheußlicheres gegessen!

Zweiter Tauchtag

Das Wetter ist besser geworden. Ab und zu lugt sogar die Sonne hinter den Wolken hervor. Geplant ist 1.TG Kreuzer Dresden und 2.TG die F2.

Auch auf der Steuerbordseite liegend, ist die "Dresden" ein interessantes Wrack. Sie ist zwar nicht mehr "am Stück" wie die Brummer, doch die imposante Größe (155m) sowie die gut betauchbaren Hohlräume machen sie nicht uninteressanter. Die F2 hat zwar einen gut erhaltenen Bug mit Geschütz, ist ansonsten aber nicht so imposant wie die Kreuzer. Das Tauchen unter verschärften Bedingungen fordert die ersten Tribute. Das linke Bein von Reiners Trocki ist leicht undicht und mein Lufteinlassventil klemmt. Das Einlassventil habe ich mit Bordmitteln (Doughi`s rostige Zange) wieder instandgesetzt. Zwei Engländer sind komplett abgesoffen. Sie schauen neidisch auf unsere Neoprentrockis, die ja selbst nass noch wärmen.

Den Abend gestalten wir mit unseren englischen Freunden im Hotel Standing Stone. Bei gutem Essen und leckeren Pints lassen wir uns es gut gehen.

Dritter Tauchtag

Geplant ist 1.TG Schlachtschiff Kronprinz Wilhelm und 2.TG Kreuzer Karlsruhe. Die Kronprinz Wilhelm ist ein riesiges Wrack. Durch die schweren Geschütze liegen alle großen Schlachtschiffe kieloben. Die Kasematten mit ihren Geschützen sind von der Seite zu erkennen. Unser Eindruck: Ein Schiff so groß wie ein Fußballfeld. Die Karlsruhe ist zwar stark zerstört, das intakte Heck ist aber sehr sehenswert. Viele Hohlräume sind gut betauchbar. Nach dem Tauchen sind wir sehr ausgekühlt. Die Kräfte lassen allmählich nach. Immer wieder ärgert mich Reiner mit der „dünnen Jacke“, die ich beinahe, und der Badehose, die ich doch tatsächlich mit hatte.

Nachdem wir uns schicke Aufnäher für unsere Vereinspullis gegönnt haben, genießen wir ein Abendessen mit unseren englischen Freunden.

Vierter Tauchtag

Das Wetter ist stürmisch. Ich hätte nie gedacht, dass wir raus fahren. Die Schotten haben scheinbar eine andere Meinung, was schlechtes Wetter ist!

1.TG Kleiner Kreuzer Köln und 2.TG Gobernator Bories
Die Köln gibt sich unserer Meinung nach das schönstes Wrack. Sie ist am besten erhalten und auf der Backbordseite liegend bestens zu betauchen. Tief, kalt, aber sehr schön!

Strömungstauchen an der Gobernador Bories, einem Blockadeschiff in den Sounds. Ich hätte nie gedacht das man bei peitschender See so was macht ... und doch, es geht!!!!! Aus Sicherheitsgründen läßt Doughi immer nur zwei Taucher an der Boje abtauchen. Das aufgewühlte und strömende Wasser flößt uns Respekt ein. Dann kommt das Signal, mit Herzklopfen springen wir rein und tauchen schnell ab. Die seemännischen Leistungen von Doughi sind beachtlich. Er manövriert die John L. spielerisch und auch das Wiederaufnehmen der Taucher geschieht professionell und Zentimeter genau.

Das Wrack der Gogernador Bories ist durch die Strömung teilweise zerfallen. Die Hohlräume, die dadurch freiliegen, sind gut betauchbar. Viele farbenfrohe Lippfische umkreisen uns und sind recht zutraulich. Überhaupt ist die Schottische See überraschend artenreich. Durchgefroren wie Polarfüchse retten wir uns in die Flatie-Bar, wo wir bei offenem Kamin und ein paar McEwans Bierchen den Tag Revue passieren lassen.

Fünfter Tauchtag

Habe diese Nacht schlecht geschlafen. Mein Kreislauf ist im Keller und mir ist schwindelig. Das Wetter ist miserabel (Nieselregen u. windig). Kein schöner Start in den Tag. Geplant ist Tauchen am Schlachtschiff König und am Kreuzer Karlsruhe.
Die See ist rau. Zuhause würde kein Schiff auslaufen, geschweige denn mit Tauchern raus fahren.

Wir springen trotzdem rein in die tobende See!!! An der König wird mir auf 30m schwindelig und ich will den Tauchgang fast abbrechen. Habe mich aber zur Ruhe gezwungen und nach einiger Zeit geht es mir besser. Das Wrack macht, wie die Kronprinz, einen mächtigen Eindruck. Die Pause in der Museumscafeteria mit warmer Suppe tut so richtig gut.

Wegen fehlender Boje an der Brummer fahren wir noch mal zur Köln. Tauchen an der Köln ist immer interessant. Da die Wracks sehr groß sind, kann man getrost mehrere Tauchgänge machen. Langweilig wird das nie! Anschließend Aufwärmen bei offenem Kamin und leckeren McEwans Bierchen in der Flatie-Bar.

Sechster und letzter Tauchtag

Nach einem guten englischen Frühstück gehts zur James Barrie, einem Fischtrawler, der vor einigen Jahren im Hoxa-Sound unterging. Tauchen in den Sounds garantieren gute Sicht, sind aber Gezeitentauchgänge, die unter Berücksichtigung der Tidentabelle durchgeführt werden. Das Wetter zeigt sich zum Abschluss von der besten Seite. Platte See und Sonne. Wir genießen die schöne ruhige Überfahrt und sehen sogar Delfine!!!

Abtauchen High Noon. Schnell erreichen wir 40m bei ausgezeichneter Sicht. Zum erstem mal sehen wir ein Wrack an einem Stück. Phantastisch, in welchem Lichtspiel sich die James Barrie präsentiert. Ein wahrlich guter Tauchgang. Zufrieden tauchen wir auf. Aber es gibt einen Zwischenfall: An Deck liegt ein englischer Taucher, der mit Sauerstoff versorgt wird. Aus unbekannten Gründen stieg er direkt aus über 35m auf. Nicht nur wir machen uns große Sorgen. Alles wird von der Besatzung schriftlich dokumentiert, um dem Taucherarzt genügend Informationen zu geben. Ohne Symptome und mit permanenter Sauerstoffversorgung gelingt die Rückfahrt nach Stromness. Der folgende Arztbesuch erleichtert uns alle, denn, Nitrox sei Dank, ist alles glimpflich verlaufen!!!

Den letzten Abend verbringen wir alle zusammen erst in der Flatie-Bar und dann beim chinesischen Abendessen in Kirkwall.

Rückreise

Unser Rückflug von Kirkwall beginnt erst am späten Morgen, so dass wir es ruhig angehen lassen. Bis auf eine Reifenpanne unseres abholenden Fliegers in Aberdeen verläuft unser Rückflug reibungslos. Zufrieden mit dem Erlebten kommen wir in Köln an, wo wir freudig erwartet werden.

Tauchinformationen über Scapa Flow

Das Tauchen in Scapa Flow gestaltet sich eigenverantwortlich. Die Tauchgangsplanung wird jedem selbst überlassen. An Bord gibt es nur ein Minimalbriefing. Es wird an Bojen abgetaucht, die am Wrack befestigt sind. Durch die Größe der Wracks ist die Orientierung oft schwierig und der freie Aufstieg (wenn man die Boje nicht wiederfindet) obligatorisch. Durch die Tiefe, Kälte und Dunkelheit ist dieses Revier nichts für Anfänger oder Urlaubstaucher. Fast jeder Tauchgang ist, trotz Nitrox, dekopflichtig. Es wird mit an die Tiefe angepassten 28er Nitrox getaucht. Tauchunfälle sind in Scapa Flow recht zahlreich und einige gehen nicht so glimpflich aus, wie in unserem Reisebericht.

Ausrüstung: Ohne Trocki geht hier gar nichts!
Besonders bewährt haben sich Neoprentrockis, die bei verschärften Bedingungen ordentlich wärmen.
Das Mitführen einer am Reel befestigten Dekoboje ist Pflicht!