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Ein Bericht von Patricia Stahl

… so lautet zumindest der Werbe-Slogan, der seit Beginn der taucherischen Erschließung Ende der 80er-Jahre für den 60 m tiefen Kreidesteinbruch zwischen Cuxhaven und Hamburg verwendet wird. Nach meiner ersten Begegnung mit dem Gewässer im Jahr 1992 wollte ich doch mal sehen, was sich in 16 Jahren Abstinenz alles verändert hat. Gesagt, getan – also mieteten wir zu sechst in einer Juli-Woche eine gemütliche Ferienwohnung in Seenähe, um unserem subversiven Hobby nachzugehen.

Einige "naturbelassene" Restteile des Geländes lassen auf den Wildwuchs früherer Jahre schließen, wo wir uns mit unserem Campingbus damals mitten auf dem Acker ein Plätzchen gesucht hatten. Die Tauchbasis beherbergt nicht nur diese plus Füllstation mit Hochleistungskompressor und Gaselager zum Überströmen, sondern auch Umkleiden, Duschen und Toiletten für Tagesgäste und Campingplatz-Nutzer. Im Außenbereich befinden sich Ablageplätze und Duschplätze zum Spülen der Tauchklamotten – falls es mal nötig wird. Kein Vergleich zum Bauer Capitano im Keller des Hauptgebäudes, der 1992 an einem Tag 250 Tauchflaschen (!) füllen musste und dabei die Raumtemperatur auf über 30 Grad erwärmte.

Bei Anfahrt zum Gewässer über die Hauptverkehrsstraße in Hemmoor kam schon bald die verfallene Mühle, welche seit jeher als Peilobjekt diente, in Sicht. Das Verwaltungshauptgebäude, in dessen Pförtnerloge sich die Taucher früher anmeldeten, existiert noch und wirkt sogar renoviert. Die das Gelände im Einfahrtsbereich umfassende Mauer und das große Werkstor, das man damals nur unter heftigem Gequietsche öffnen konnte, sind mittlerweile verschwunden, stattdessen wurde eine geteerte Straße angelegt, die am Taucheinstieg „Steilwand“ vorbei zum Campingplatz, zu den mietbaren Holzferienhäusern, zur Tauchbasis „Kreidesee“ und zu den weiteren Taucheinstiegen führt.

Sämtliche Einstiege sind mittlerweile mit großen Info-Tafeln zu den jeweilig zu erwartenden Sehenswürdigkeiten und Hinweisen zum nächstgelegenen Notfall-Telefon ausgestattet. Des weiteren wurden an jedem Tauchplatz Pkw-Parkplätze geschaffen, die mit Tischen bestückt sind, um das Tauchgerödel in bequemer Höhe fertigzuschrauben und anzuziehen. Zu den Einstiegstellen, die mit Ponton und Hühnerleiter oder großzügig ins Wasser reichenden Badetreppen aufwarten, führen breite, befestigte Treppen, damit der Taucher sicheren Fußes ans Wasser gelangt. Kein Vergleich mit den früheren, schmalen, steilen und teils sehr rutschigen Treppen, die noch aus Steinbruchzeiten stammten!

Das Wasser ist von oben gesehen nach wie vor glasklar und schimmert an sonnigen Tagen in den kräftigsten Blau- und Grüntönen, die das Auge erfassen kann. Vom Ponton aus sind in zehn Metern Tiefe noch kleine Steine am Boden zu sehen. Nach dem Sprung ins Wasser und dem Abtauchen auf 20 Meter zum "Rüttler", einer Konstruktion, in der zu Betriebszeiten des Steinbruchs Flintstein von der Kreide getrennt wurden, wird die Sicht etwas schlechter – am Wochenende war wohl reichlich Betrieb.

Nichtsdestotrotz ist es nach wie vor faszinierend in einem deutschen Gewässer auf jeder Sporttaucher-Tiefe keine Lampe einschalten zu müssen! Ein Gefühl wie in wärmeren Meeren kommt auf. Lediglich die ab 20 Meter vorherrschenden sechs Grad Wassertemperatur erinnern daran, dass man in Deutschland taucht. Nach Durchtauchen und Umrunden des Rüttlers geht es über die Straße und den Wald zurück in Richtung Einstieg 1. Auffällig sind zwischenzeitlich fehlende "Landmarken", die früher zum surrealen Feeling beitrugen: Eine Peitschenlaterne und das Handgeländer am Straßenrand zum Rüttler – heute noch Wahrzeichen des Hemmoor-Stempels – fehlen – sie sind Erkundigungen zufolge abgebrochen worden und liegen jetzt 15 Meter tiefer in der Böschung.

Der Wald am Ausstieg ist nach wie vor sehr pittoresk – trifft man dort auf aus der Fischzucht ausgebrochene Forellen stattlicher Größen, Barsche, Rotfedern, Stichlinge und – bei Nachttauchgängen – auch auf zahlreiche Krebse, die sich beim Verrichten ihres Tagewerks (Äste verschieben, Löcher buddeln etc.) völlig unbeeindruckt von der Anwesenheit der Taucher beobachten lassen.
Die Fische sind so zutraulich, dass sie teilweise bis ans Maskenglas kommen.

Die in den Jahren zusätzlich in den See eingebrachten Attraktionen wie zusätzliche Pkw, große Übungsplattformen auf drei und sechs Metern, ein Ultra-Leicht-Flieger, der schon ziemlich gerupft aussieht und demnächst gegen eine Cessna ausgetauscht werden soll, bieten die Planung alternativer Tauchrouten parallel zu den "alten" Attraktionen. Dies ist insbesondere bei Frequentierung durch viele Taucher hilfreich. Nach 16 Jahren hat sich der Steinbruch zum See gewandelt: Auf dem Untergrund haben sich Seegras, Algen, Schwämme angesiedelt, die ihren Beitrag zur Festigkeit des Sediments leisten. Kam man früher den Steilwänden zu nahe, wurden durch Flossenschlag feinste Sedimente aufgewirbelt, die sofort die Sicht über mehrere Meter verschlechterten. Passiert der gleiche Vorgang heute, gibt es allenfalls eine kleine Wolke groberen, klumpigen Sediments, welches sich sofort auf den Weg in die Tiefe macht. Alles in allem ist das Tauchen in Hemmoor heute durch die vorhandene Infrastruktur sehr bequem und angenehm geworden. Zu den alten haben sich neue Sehenswürdigkeiten gesellt. Die Sicht ist für einen deutschen See immer noch hervorragend. Und wenn das Wetter mitspielt sind unvergesslichen Tauchgängen nach wie vor keine Grenzen gesetzt.

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