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Ein Erfahrungsbericht von Patricia Stahl

Was schenkt man/frau dem tauchenden Partner, der bereits gut ausgerüstet seinem Hobby frönt? – Ein außergewöhnliches (Tauch-) Erlebnis!

Also fuhren wir an einem Sonntagvormittag im September in die Nähe des Köln-Bonner Flughafens, um aus dem Internet georderte Gutscheine für einen Tauchgang im Astronauten-Trainingsbecken der ESA einzulösen. Nach knapp 1 Stunde Fahrt lotste uns das Navigationssystem zwischen Bundeswehrbaracken hindurch zu einem Parkplatz, auf dem sich bereits einige andere Gutschein-Inhaber, teils mit kompletter Familie und Kindern, gesammelt hatten.

Kurze Zeit später traf der zuständige „Bärenführer„ der ESA auf dem Parkplatz ein, checkte die Namen und Brevets durch und bedeutete allen, dass wir seinem Wagen mit unseren Fahrzeugen auf das ESA-Gelände folgen sollten. 5 Minuten später standen wir direkt vor der Halle mit dem Tauchbecken und brauchten nur noch die mitgebrachten Ausrüstungen aus dem Kofferraum ca. 20 m in die Halle zu einer Reihe von Sitzbänken zu schleppen.

Klaus-Günter Stahl im MIR-Modul

Wer nicht alle Ausrüstungsteile mit hatte, konnte diese aus dem ESA-Fundus ausleihen. Ebenso wurden halbvolle und leere Flaschen sofort mit dem Hochleistungskompressor und Überströmanlage auf- bzw. auf Wunsch auch zwischendurch nachgefüllt.

Das Wasser im 22 m langen und durchgängig 10 m tiefen Becken hatte an diesem Tag 25° C Temperatur. Zu Spitzenzeiten sollen bis zu 30° C Temperatur möglich sein. Nach einer kurzen Einweisung, ab wo nur mit Badelatschen zu laufen war, wo Toiletten, Duschen, Umkleiden mit Fön, der Kontrollraum des Beckens mit Videoaufzeichnungen in allen Lagen, UW-Sprechanlage usw. sowie die Cafeteria zu finden sind, hatten wir 2 Stunden Zeit ein Einstiegsschleusen-Modul der MIR sowie das Columbus-Modul der ISS-Raumstation in Originalgröße zu betauchen.

Vor dem Wasserkontakt mussten noch die Tauchklamotten unter einer warmen Dusche abgespült werden, damit keine Verunreinigungen ins Wasser gelangten und dann konnte es losgehen!

Natürlich hatten fast alle Anwesenden ihre UW-Kameras mitgebracht und so entbrannte ein wahres Blitzlichtgewitter im Wasser. Als erstes inspizierten wir die Einstiegschleuse der MIR. Mit zwei Tauchern konnte man problemlos hineintauchen und sich gegenüber setzen. Damit war die Schleuse aber auch voll. Der Versuch eines dritten Tauchers, dazuzustoßen, scheiterte kläglich, da seine Beine noch vollständig draußen hingen. Was muss das für ein Gedränge sein, wenn 2 Astronauten gleichzeitig in voller Montur zum Weltraum-Einsatz durch die Schleuse ins All müssen!

Anders beim Columbus-Modul: Hier konnten mehrere Taucher auf mehreren Ebenen gleichzeitig das Modul durchtauchen oder die Handgriffe der Astronauten nachvollziehen. Es gab sogar eine abgelegte Werkzeugtasche mit Reißverschluss, die wir natürlich mit Leichtigkeit öffnen konnten. Der Astronaut mit dicken Weltraum-Handschuhen dürfte da schon weitaus mehr Schwierigkeiten haben, überhaupt das Reißverschluß-Schiffchen gefasst zu bekommen. ..

Die ISS als Modell

Nach den 2 Stunden war zunächst Duschen, Zusammenpacken der Ausrüstungen und Verstauen in den Fahrzeugen angesagt, bevor es noch eine Führung durch die Werkshalle der ESA mit neuentwickelten Modulen, die zukünftig ihren Weg zur ISS antreten werden, gab. In der Empfangshalle erwartete uns dann ein maßstabgetreues Modell der ISS-Raumstation in ihrer derzeitigen Größe mit zwei außen arbeitenden Astronauten als Größenreferenz. Mit Blick auf diese beiden Figürchen konnte man sich ein Bild von der tatsächlichen Größe der Station machen. Schon riesig, was da über unseren Köpfen herumschwebt! Auch sind sämtliche, bisherigen ESA-Missionen dargestellt und einen russischen Raumanzug der sechziger Jahre gibt es auch zu bestaunen. Interessant ist, dass damals die Kosmonauten bestimmte Körpermaße haben mussten, um ins All fliegen zu dürfen: Man hatte zuerst die Raumkapsel konstruiert und musste dann „passende„ Leute finden, die nicht zu groß und zu schwer sein durften!

Ein Querschnitt-Modell zeigt, wie beengt die Astronauten in der eigentlich riesigen Raumstation ihr Tagewerk verrichten müssen: Alles ist mit modernster Technik für alle möglichen Versuchsreihen vollgestopft und mit jedem Besuch eines Space Shuttles kommen neue Gerätschaften an Bord.

Alte, nicht mehr verwendbare Sachen dürfen nicht mehr einfach durch die Schleuse ins All entlassen werden: Zu groß ist die Gefahr, dass diese Teile die Raumstation ernsthaft beschädigen könnten! Aber wohin mit dem Krempel? Auch dafür hat die ESA eine Lösung entwickelt: In der Werkshalle konnten wir die größte fliegende Mülltonne der Welt bestaunen. Ein Modul in der Größe eines 7,5 Tonnen-LKW mit Sonnensegeln wurde bereits 1 x zur ISS transportiert, dort mit dem „Müll„ vollgeladen und in Richtung Erde zurückgeschickt. Durch die Anziehungskraft und die beim Atmosphäreneintritt entstehende Reibungshitze verglühte das Modul mitsamt Müll vollständig.

Das Tauchbecken

Alles in allem tauchten wir an diesem Sonntag nicht nur ins derzeitige ESA-Trainingsbecken ein, in dem alle Missionen auf Durchführbarkeit getestet werden, bevor sie im All Durchführungsreife erlangen, sondern auch in die Raumfahrt-Vergangenheit wie sie vor 40 Jahren war.

Ein sehr unterhaltsamer und lehrreicher Ausflug, der auch Familien mit (tauchendem Nachwuchs) zu empfehlen ist: Ab Junior CMAS* darf dort abgetaucht werden. Und wer noch nicht mit Abzeichen ausgestattet ist, kann sich einen Spaß daraus machen, über die UW-Sprechanlage seinen Eltern Haltungsnoten für das Tauchen zu geben.