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Ein Taucher taucht – normalerweise – im Wasser. Dass dies nicht immer so sein muss, wollten wir mit zehn anderen Tauchern im Dezember 2004 austesten: Während einer Druckkammer-Fahrt im Zentrum für hyperbare Sauerstofftherapie in Düsseldorf-Oberkassel.

An einem diesigen Samstagmorgen fuhren wir also morgens gen Düsseldorf, um dort pünktlich um 9.00 Uhr von einem der verantwortlichen Ärzte für hyperbare Medizin ins Zentrum eingelassen zu werden. Neben der Behandlung verschiedenster Krankheitsbilder, die sich durch Überdruckmedizin behandeln lassen (z.B. Wundbrand, Tinnitus), dürfen von Zeit zu Zeit auch interessierte Taucher gegen Zahlung der Betriebskosten der Fahrt mit den beiden vorhandenen Druckkammern "auf Tiefe", das sind in dem Fall 50 Meter, fahren. Dort können sie unter fachärztlicher Begleitung ihre ureigenen Erfahrungen mit dem Druck und dem sich ändernden Verhalten in der Tiefe, mit physikalischen Gesetzmäßigkeiten und nicht zuletzt mit ihren im Wassereimer mitgeführten Gerätschaften wie Tauchcomputer, Tiefenmesser, Taucheruhren etc. machen. Nach obligatorischer Eingangsuntersuchung des HNO-Bereiches jedes Tauchers und Kontrolle der aktuellen Tauchgesundheit im mitgebrachten Taucherpaß, gab es eine allgemeine Einführung in die Druckkammertechnik und –medizin. Anschließend wurden die bevorstehende Fahrt und etwaige Verhaltensweisen im Notfall besprochen.

Ab in die Kammer

Die 12 Personen fassende Kammer verfügt über einen Vorraum/eine Schleuse für max. 4 Personen, in der bei Notfällen eine kurzfristige Druckanpassung zum Ein- oder Ausschleusen durchgeführt werden kann. Der eigentliche Kammerraum hat 12 sehr bequeme Recaro-Sitze, an jedem Sitzplatz gibt es Becher und Mineralwasser, einen CD-/Radioanschluss mit Kopfhörern zum Hören der Wunsch-CD oder des Lieblings-Senders.

Vor Eintritt in die Kammer erhält jeder Proband eine Sauerstoff-Maske, die am Platz anzuschließen ist. Während der Deko-Pausen wird ab 6 Metern Tiefe reiner Sauerstoff geatmet, um die Deko-Zeiten zu verkürzen. An der Stirnwand der Kammer hängt ein überdimensionales Tableau, auf welchem eine mitlaufende Stoppuhr, die zu erreichende Tiefe und die jeweils aktuelle Tiefe ablesbar sind. Die gesamte Kammer steht unter Videobeobachtung, so dass permanent jeder Teilnehmer und sein Verhalten dokumentiert wird. Dies ist in erster Linie sicherheitstechnisch relevant, wer möchte kann sich allerdings nach der Fahrt auch seine persönliche Video-Erinnerung mit nach Hause nehmen.

In der Mitte der Kammer wird der Wassereimer mit den mitgebrachten Tauchinstrumenten platziert, damit die Funktionsfähigkeit der Instrumente von allen Seiten begutachtet werden kann. Die Gerätschaften müssen im Wasserbad liegen, weil ihre Dichtungen auf Wasserdruck konzipiert sind. „Trockenen“ Druckveränderungen schaden den Dichtungen. Computer oder Tiefenmesser hätten dann beim nächsten Tauchgang endgültig ausgedient.

Und los geht's

Nach einer letzten Frage zum Wohlbefinden ging es los: Die Tür zur inneren Kammer blieb zunächst einen Spalt offen, um etwaige Claustrophobie-Anfällige noch schnell bis 20 m Tiefe ausschleusen zu können. Alle starrten gebannt auf die riesige Anzeigentafel, als mit ziemlich heftigem Zischen die Luft in die Kammer gepresst wurde. Schon allein deshalb lohnt es sich die Kopfhörer mit Musikberieselung aufzusetzen.

Interessante Erfahrung Nr. 1: Der Druck auf’s Trommelfell wird im trockenen Zustand weitaus eher und schneller wahrgenommen als im Wasser. So war der erste Druckausgleich schon bei angezeigten 80 cm Wassertiefe nötig!

Interessante Erfahrung Nr. 2: Wer sonst nur mit der Valsalva-Methode (Nase zuhalten + pressen) Druckausgleich bekommt, hat hier gute Chancen nur durch Schlucken den Druck auszugleichen. Eine tolle Erfahrung, wenn man nur die andere Methode kennt!

Interessante Erfahrung Nr. 3: Es muss im oberen Bereich (bis ca. 30 m) wesentlich häufiger ausgeglichen werden, als beim nassen Abtauchen.

Bei 20 m kam dann die Lautsprecher-Durchsage: Innere Tür bitte schließen. Ab jetzt waren Panik-Attacken gefälligst zu unterdrücken! Die nur sanft angestupste Tür knallte mit einem heftigen Geräusch auf den Rahmen. Was Druck so alles bewirkt!

Nun ging es zügig weiter auf die angepeilten 50 m. Das Zischen verwandelte sich in ein permanentes Rauschen. Mit jedem zusätzlichen Meter wurde es wärmer und wärmer in der Kammer. Wohl dem, der im Zwiebellook erschienen war, und sich nach und nach der Klamotten entledigen konnte! Die zu Beginn der Fahrt aufgeblasenen Luftballons boten dank Boyle-Marriotte ein immer traurigeres Bild: Ihr theoretisch bekanntes Schrumpfen im Original zu sehen, war höchst interessant!

Als die 50 m erreicht waren, gab es wiederum eine kurze Durchsage, dass wir nun 20 Minuten auf der Tiefe bleiben und unsere Instrumente und uns beobachten konnten. Die Stimmung war durchaus locker und gelöst (= erste Anzeichen des Tiefenrausches?!), wir atmeten ja schließlich Luft. Allerdings zeigte niemand schwerere Anzeichen einer Stickstoffnarkose. Unsere Temperatur war von anfänglich 22° Grad auf 30° Grad Celsius angestiegen. Wer was sagte, trug extrem zur Erheiterung bei: Männlein wie Weiblein hatten eine unverkennbare Micky-Maus-Stimme und Worte zu formen, war gefühlsmäßig auch schwerer als bei 1 bar Umgebungsdruck!

Weitere Luftballons wurden aufgeblasen, um beim Auftauchen den Umkehreffekt zu beobachten. Die Instrumente verschiedener Hersteller hatten – wie konnte es auch anders sein – unterschiedliche Tiefenangaben! Diese reichten (bei geeichter Anzeige von 50 m) von 48,5 m bis 52 m, was durchaus bei der Deko-Berechnung wesentliche Unterschiede ausmacht!

Die Tücken der Technik

Einige nagelneue Computer versagten bei der Tiefe sofort ihren Dienst: Das Gepiepse war nervig. Nach kurzem Protest kam noch die Display-Meldung "Error" und dann schalteten sich die Geräte rigoros aus. Super, wenn das unter realen Bedingungen im Freiwasser passiert wäre! So warteten wir alle gespannt auf die Deko-Phase, um zu sehen, was mit den Geräten passierte, die bei der maximalen Tiefe nicht ausgestiegen waren.

Nach vereinbarter Zeit begann die Aufstiegsphase, ebenfalls wieder mit einem lauten Zischen. Die kleinen Balllons nahmen langsam wieder Form an, die unter Druck aufgeblasenen Ballons erreichten stattliche Größen – und es wurde neblig in der Kammer! Ein unglaublicher, aber logischer Vorgang: Durch die Druckentlastung kühlte sich die Luft in der Kammer extrem schnell und heftig ab, so dass die vorhandene Feuchtigkeit kondensierte und die ganze Kammer voller Nebel war. Wohl dem, der jetzt bibbernd seine Zwiebelschichten wieder anlegen konnte.

Zwischenzeitlich verabschiedeten sich nach und nach die prall gefüllten Luftballons mit lautem Knall, der letzte war offenbar deutsche Wertarbeit – er platzte erst bei knapp 20 Metern Tiefe. Auf der 12 m-Stufe angekommen, hatte sich auch der Nebel wieder gelegt. Nun mussten wir nur noch die Deko-Zeit rumkriegen, die natürlich - auch mit Sauerstoff-Gabe - die meiste Zeit des Tauchgangs in Anspruch nahm. Hierbei gab es den einen oder anderen ängstlichen Blick auf die noch arbeitenden Computer: Es gab sogar bei den Deko-Stufen unterschiedliche Tiefenanzeigen von bis zu 1,5 m Differenz!

Nach gut 70 Minuten öffnete sich die Tür der Druckkammer wieder. Zwischenzeitlich hatten sich noch weitere Computer abgeschaltet oder ein dickes Error auf dem Display stehen – was den Besitzern durchaus Sorgenfalten auf die Gesichter zeichnete. Die zuerst aufgeblasenen Ballons hatten ihre alte Größe wieder und zwölf Taucher waren um höchst interessante Erfahrungen reicher.

Alles in allem hat sich die Fahrt absolut gelohnt: Sicherer als unter ständiger ärztlicher Aufsicht kann ein Tauchgang auf diese Tiefe nicht durchgeführt werden. Und die vom Hörensagen bekannten physikalischen Grundlagen in natura selbst zu erfahren, ist ebenfalls ein ganz besonderes Erlebnis. Insbesondere wenn man die Luftballons auf die menschliche Lunge projiziert, bekommt man einen Eindruck der Wirkung von Drücken.

Fazit: Druckkammerfahrt auf 50 m – ein empfehlenswertes und lehrreiches Erlebnis für jeden Taucher!